Mein Computorbit

Ich hab ein schlechtes Gewissen. Vor zwei Monaten fragte „Gast“:

Hallo,
danke erstmal für dein Blog! Interessant wäre noch zu wissen, wann du zum ersten Mal Kontakt zu Computern hattest (und mit welchem Modell) und in welchem Alter du jetzt zum ersten Mal anfängst zu programmieren. Bei Frauen scheint dies nämlich oft erst wesentlich später als bei Männern zu passieren (warum auch immer).

Und dann schrieb er/sie zwei Tage später

Möchtest du nicht darauf antworten oder hast du nur gerade keine Zeit? Würde mich nämlich wirklich interessieren…
 

Und wiederum zwei Tage später dann las ich in der Zeitung von einem Menschen, namens Gast der erst versuchte sich umzubringen, überlebte und dann einem Circus beitrat, wieder ausstieg und dann ein paar Menschen umlegte. Als Gründe nannte er, dass er Montage nicht mag, einen bescheuerten Vornamen hat und dass Fiona ihm nie antwortete. Seufz.

Also dann. Die Laufbahn meiner Computerisierung, der Orbit from the Ground Up:

Unser erster Computer. Hm. Das war glaube ich ein kleiner Lerncomputer, auf dem es 31 verschiedene Programm gab. Solche Dinge wie Worträtsel, aber wenn ich mich richtig erinnere konnte man darauf auch QBasic lernen. Aber dafür war ich noch viel zu jung, um mir das selber anzueignen. Vermutlich etwas zwischen 6-8 Jahre alt. In derselben Zeit hatten wir einen Amiga. Fick Ja. Einen Amiga. Ein Heimcomputer der -zumindest bei uns- nur für Spiele genutzt wurde. Ich muss immer noch ziemlich jung gewesen sein, auf jeden Fall war ich darauf angewiesen, dass meine zwei Brüder genügend Freunde hatten, mit denen sie die Disketten tauschen konnten. Allerdings verbrachte ich nicht allzu viel Zeit damit, viele Spiele verstand ich noch gar nicht. Ab und zu spielte ich mit einem meiner Brüder North and South oder Rick Dangerous, zu sehr viel mehr war ich gar nicht in der Lage. Und naja. Mit seinem großen Bruder Computer spielen ist irgendwie so erfreulich wie mit einem irren Drogenboss Aufzug zu fahren. Entweder bescheißt er und man verliert oder man verliert nicht und dann wird man gehauen. Oder so ähnlich war das.
Was dann mit dem Amiga passierte weiß ich gar nicht so recht. Ich trau mich auch nicht zu fragen. Vielleicht haben wir zuviel daran prokrastiniert, ihn kaputtgemacht oder uns zu oft gestritten deswegen. Bei insgesamt vier Geschwistern kann das schonmal passieren.

Der nächste Computer hatte ein Windows 95 drauf und den bekamen wir etwa um 98 rum.
Es war eine hässliche Zeit. Es war eine Zeit der kantigen Schrift, des langen Wartens und des lauten Lüfters. Und dann erlöste uns das Millenium mit einem lauten Knall und Zack! war das Internet da. Wir alle versammelten uns um den Computer herum, um dieses Internet auszuprobieren. Und natürlich fällt meinem ältesten Bruder nichts Besseres ein als diese Seite aufzurufen. Was meinen Vater relativ schnell dazu veranlasste, das Internet wieder „auszumachen“. Kostete ja schließlich Geld.

Die nächsten Jahre waren angeblich ziemlich ereignisreich. Terror und so. Ich weiß aber nix davon, ich war im Internet. Spätestens die Flatrate läutete die Epoche der Internet-Sozialisierung in meinem Leben ein.  Allerdings bin ich froh, dass ich so früh schon im Internet verloren ging. Ich habe mich so etwas wie ausgetobt und mittlerweile doch das Gefühl eine Souveränität gegenüber den Verlockungen des Internets entwickelt zu haben. Und nebenbei zogen wir noch auf einen Mac Mini um den meine Eltern immer noch benutzen.

Darauf folgte ein eigener Laptop den ich irgendwo in Deutschland verlor und jetzt habe ich ein IBM Thinkpad mit Linux.🙂

Soweit zu meiner Computergenese.  Zwar waren Computer und das Internet schon lange ein essentieller Bestandteil meines Lebens. Aber natürlich ist das was ich jetzt tue ein Schritt in ein ganz anderes Nutzer/Maschinen-Verhältnis als es bisher war.
Computer waren für mich fertige Produkte mit einer Palette an angebotenen Möglichkeiten. Sie waren keine dynamischen Werkzeuge, die ich meinen Bedürfnissen anpasse .
Aber das Umdenken ist auch kein plötzlicher Einschnitt gewesen sondern bahnte sich langsam an.

Ich hatte in der Schule mal ITG aber auch nur ein Halbjahr und scheiterte ziemlich daran. Das muss 2002 gewesen sein, als ich 12 war. Ich fand den Unterricht unheimlich langweilig und musste mir tausend Mal die Anleitung anhören, wie ich jetzt ein gif zwischenspeichere und dann irgendwo reinkopiere bis ich es verstand und dann nie wieder brauchte.
Aber das änderte sich bald. Als wir den Mac bekamen war ich schon neugierig darauf, wie er funktionierte. Alleine dadurch, dass ich so furchtbar viel Zeit mit dem Computer verbrachte führte dazu, dass ich ihn nach und nach besser verstand.
Mit 16 hatte ich dann einen Freund, den ich (haha) im Internet kennenlernte. Er ist ein ziemlicher Technik-Freak und wenn ich ihn besuchte konnte ich immer ein bisschen auf seinem Laptop zuschauen. Er benutze Linux und ich bekam einen kleinen Einblick in flexible Nutzeroberflächen, Konsolen und Open Software.
Ich lernte meinen Mac immer besser kennen und als ich mal für ein halbes Jahr in Montana wohnte wurde ich sogar ab und zu dafür bezahlt, Leuten, die Probleme mit ihrem Mac haben etwas zu unterstützen. Allerdings war das Support auf einem…sagen wir niedrigen Level. In etwa so

– „Howdy! Ya know, I wanted t’write that text for mah grandchild and now it’s like jibbedigone ’n I dunno where the redneckhell did ah put it?“
– „I see. Apparently you minimized the window. So um let’s maximize it again. Well. There you go.“
– „Awesome!“
– „Yeah u know, it’s peanuts. Nothing big really“
– „Here, take yer 20 bucks!“
– „Oh.“

Die nächste Station auf dieser Laufbahn tangierte meine Fotografinnendasein. Unser Unternehmen hatte eine Homepage und ich war gezwungen mir ein wenig davon anzueignen. Dafür lernte ich ein wenig html und php um Galerien anzulegen. Und es machte tatsächlich auch ein bisschen Spaß, auch wenn ich nicht wirklich kreativ dabei sein konnte, sondern Code immer nur umschrieb.
Zu der Zeit fiel mir auch auf, dass ich in vielen Freundeskreisen die Einzige war, die überhaupt wusste was ein Quelltext ist. Naja. Natürlich bis ich in die Glitzerwelt der Nerds eintrat und Plom 2010 kennenlernte. Genau genommen hab ich ihn schon ein Jahr vorher auf einer Party kennengelernt und angepöbelt. Auf einem Panel traf ich ihn wieder und seine ganzen verrückten Nerdfreund ebenfalls. Der Beginn einer Freundschaft mit einem IRC-Chatkollektiv!

Und ja, der Rest ist ja bekannt. Seit ich die Nerds (also das Umfeld um Plom herum) kenne erstreckt sich vor mir ein Universum, dessen Grenzen weit außerhalb meiner Sichtweite liegen. Jedesmal wenn sie über ein Thema -sei es aus der Netzpolitik oder über schlechte Internetseiten (z.B. meine alte Fotografinnenseite) oder über Prozessoren- reden wird mir bewusst, was ich alles noch nicht weiß. Und nicht nur das, ich kann auch den Bezug zu meiner Lebensrealität herstellen. Nicht nur weil die Schnittmengen zwischen meinen Interessengebieten und denen der Spezialexpertenprogrammierern sowieso immer größer werden sondern auch weil ich verstehe, dass es für (bisherige) Nichtprogrammierer ebenfalls an Bedeutung gewinnt. Themen wie Bundestrojaner, Möglichkeiten der Technik und Digitalisierung der Gesellschaft gehen eben alle an.

Und deswegen habe ich mit 21 Jahren angefangen Programmieren zu lernen🙂

Getaggt mit
%d Bloggern gefällt das: