„Wir haben jetzt Programmieren“

Seit wir mit Fionalerntprogrammieren begonnen haben, taucht immer wieder die Debatte um das Thema „Programmieren in der Schule auf“, Christorpheus z.B. machte sich auf Googleplus Gedanken darüber welchen gesellschaftlichen Schaden wir davon tragen, dass Programmieren als Kulturpraxis nicht vermittelt wird:

„Immernoch oft denke ich darüber nach wie unglaublich hoch der zukünftige gesellschaftliche Schaden (im Sinne von Selbstbeschneidung) dadurch ist, dass HTML & Co. (bzw. Informatik) noch nicht und wohl auch nicht in absehbarer Zeit als extra Schulfach verpflichtend ab der 5. Klasse eingeführt ist.“

In den bisherigen Diskussionen die ich dazu verfolgt habe scheint es mir, als wäre keineR explizit dagegen, dass Kinder Programmieren lernen, aber die Lager teilen sich auf in solche, die ein entsprechendes Schulfach fordern und jene, die behaupten, dass gerade die Schule den Nutzen des Programmierens nicht vermitteln oder gar den Spaß daran dauerthaft verderben könne.
Wer dagegen wäre müsste auch ziemlich lange nach guten Gründen suchen oder ein nostalgischer Fanatiker der vortechnischen deutschen Volkskultur sein. Also so wie es die ForscherInnen meines Studienfachs bis in die 90er aber ok egal.

Die Notwendigkeit bzw. die Vorteile dabei, Programmieren zu lernen liegen für die meisten vermutlich auf der Hand. Vor allem natürlich für jene, die überhaupt verstehen, was Code ist, wo Code ist und wie man codet.

Code ist ein Werkzeug. Und wie jedes Werkzeug erhält es seine Bedeutung und Wirkung durch die Menschen die es verwenden, um die Anforderungen ihrer Umwelt zu bewältigen. Christorpheus hat also Recht wenn er Programmieren als Kulturtechnik versteht. Hust. Auch wenn ich den Kulturbegriff aus Gründen nicht so gern bediene und der Zusammenhang von Technik und Kultur (ist Technik eine Kultur, ist sie Kultur oder ist sie das Andere?) umstritten ist.
Was zählt ist, dass wir uns mittlerweile eine Welt geschaffen haben in der wir nicht mehr nur so etwas wie ein globales Baukastensystem mit Hammer und Schraube haben sondern auch ein weltumspannendes Gerüst für welches wir Computer und Code als Werkzeuge benötigen. Und natürlich das Wissen, wie wir sie anwenden. Dieses Wissen ermöglicht es mir, die geschaffene Infrastruktur zu verändern, zu verbessern und für mich zu nutzen.
Oder:  Ich kann sie auf mich münzen.
Oder: Ich bin ein böser Schurkenstaat und kann mir diese Kulturtechnik zunutze machen, meine Massen mobilisieren, euch isolieren und ihr werdet alle sterben. Weil ihr nicht coden könnt.

Woist Code? Das ist ja das schöne: Code ist überall. Code ist in der Schreibsoftware und Code macht aus den Notizen der letzten mühseligen Gruppenarbeit ein offenes Dokument das du mit all den faulen Gruppenmitgliedern teilen kannst, die selber nichts erarbeitet haben. Code steckt in dem Emailprogramm, für das du zum Glück nichts bezahlen musst, außer vielleicht mit deinen Daten. Code steckt auch in dem Programm, das meine Emails scannt und die Daten an wer-weiß-wen weitergibt. Code ist auch das was wer-weiß-wer nutzt, um womöglich das Wort „Bombe“ oder „Gentrifizierung“ aus dem Wust an Daten zu filtern und dann das Ergebnis menschenlesbar zusammenzufassen.

Und wie codet man? Das ist eine Frage. Die Andere ist, welche Bedeutung es hat coden zu können. Das habe ich die letzten zwei Absätze hinreichend erklärt, zumindest aus meiner Sicht. Diese Frage gilt es zu stellen und zu beantworten.
Mittlerweile habe ich in verschiedenen Formaten und mit verschiedenen Blickwinkeln festgestellt, dass die Tragweite der Fähigkeit zu Programmieren sich einem erst erschließt, wenn man schon ein paar Schritte in diese Richtung gegangen ist. Und genau das ist der springende Punkt der mich zurück zum Thema dieses Posts führt. Das Schulfach „Programmieren“.

Dem Verdacht, dass die Institutionalisierung des Lernens bereits das Ende des Lernens ist, liegt eine belastende Beweislage zugrunde. Unsere Erfahrungen z.B. Die gängigen Rückschlüsse aus meinem Versagen in Chemie, Mathematik und Physik vertragen sich kaum mit meiner jetzigen Begeisterung für Technik, Mathematik und Computerarchitektur . Was übrig bleibt ist die Erkenntnis, dass die Schule mein Interesse nicht wecken konnte.
Und wie furchtbar war der Informationstechnische Grundkurs. Zwei Stunden lang gifs kopieren, zwischenspeichern und in ein Dokument einfügen, wenn man eigentlich lieber Minesweeper spielen würde. Ging aber auch nicht, weil wir ja zu zweit am Computer saßen. Einer dümmer als der Andere. Und nach der ITG-Stunde womöglich sogar noch ein bisschen dümmer. Und jetzt alle mal gemeinsam kotzen: Excel. Ich habe mittlerweile kein Problem mit Tabellenkalkulation. Ich kann mir nämlich alles erarbeiten was ich brauche. Und das ist um Welten weniger nervig und ätzend als in einer großen Gruppe im Schneckentempo Formeln einzutippen, sich merken zu müssen und sich so sehr zu langweilen, dass man nichteinmal das auf die Kette bekommt.
Was hab ich gelitten.

Aber das sind noch keine ausreichenden Argumente gegen ein Schulfach „Programmieren“ ab der 5. Klasse.

Meine Erfolglosigkeit in bestimmten Schulfächern spricht nicht gegen die Relevanz des vermittelten Inhalts. Ich meine damit den Inhalt den sie mir mit verrosteten Federn oder sehr fragwürdigen alten Transistoren beizubringen versuchten. Meine Erfolglosigkeit spricht gegen die Art und Weise der Vermittlung, sie spricht gegen das Schulsystem, sie spricht gegen Lehrerdinos die nichteinmal in Didaktik und Pädagogik geschult wurden und uns alle hassen.
Die Kritik muss also an der Schule und nicht am Inhalt ansetzen. Und zu glauben, dass die Institution Schule in 10 Jahren noch dieselbe sein wird ignoriert nicht nur die Veränderungen in den letzten 10 Jahren sondern auch die vielen Diskurse die nun endlich entweder wieder oder neu angekurbelt wurden. Wer heute auf Lehramt studiert, so scheint es mir, hält alle LehrerInnen im Amt für unfähig und trägt neue Ansätze in sein Amt hinein. Aber ich bin offen für andere Sichtweisen von Studierenden oder Unterrichtenden. Haltet ihr das für naiv? Sind wir vielleicht doch alle verloren? Dann bitte mit Beleg.

Zum Anderen wäre ein Fach „Programmieren“ auch etwas anderes als der Informationstechnische Grundkurs. Es sollte nicht darum gehen, konkret ein einzelnes Programm bedienen zu lernen das in 5 Jahren eh durch ein besseres ersetzt wird. Es geht um Grundlagen. Für solche Zwecke gibt es bspw. die Programmiersprache Logo. Ein Fach wie „Programmieren“ kann SchülerInnen dazu ermutigen und befähigen mit ihrer Fantasie und einem Computer Neues zu schaffen. Es kann unheimlich viel Spaß machen. Muss ja auch kein Assembler oder sowas im Lehrplan stehen. Und selbst wenn der oder die SchülerIn nie so richtig Begeisterung dafür entwickeln konnte, wird es trotzdem ein grundsätzliches Verständnis dafür vermitteln können, was dieses Programmieren eigentlich ist. Genauso wie Chemie und Physik, die ich glücklicherweise irgendwann abwählen konnte. In Chemie hatte ich mal eine stolze 5 auf dem Zeugnis, aber das heißt nicht, dass ich nicht trotzdem ab und zu auf vorhandenes Chemiewissen zurückgreifen kann. Ach und Fun-Fact: Plom war ähnlich schlecht in den Naturwissenschaften.

Was ich damit sagen will:
Nicht nur die Tatsache, dass ein Verständnis von Code und Programmieren einem Tor und Tür zu politischer Emanzipation und zu einem effizienterem Umgang mit dem Computer öffnet, spricht für das Schulfach. Pragmatischerweise sei noch erwähnt, dass es einem natürlich auch bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt verspricht und nebenbei spart man ne Menge Geld wenn man beim Website-Erstellen nicht auf Leute wie Plom oder Erlehmann angewiesen ist.
Aber was ich ganz entscheidend finde ist, dass nach dieser Grundausbildung zumindest wüssten was sie eigentlich abwählen, wenn es dazu kommt. Es wird immer schwieriger zu ermessen, welche Dimensionen sich hinter meinem klickbaren Desktop erstrecken.

 

Was ich damit jetzt wirklich sagen will, bzw. tl;dr:
Es liegt m.E. in der Verantwortung unserer Bildungsinsitutionen darüber aufzuklären welche Vorteile aber auch Gefahren in einer programmierbaren und teilweise bereits programmierten Welt liegen. Wie weit erstrecken sich die Folgen der Programmierpraxis? Was ist Code, wo ist er und was heißt das für mich?

Ohne dieses Wissen gibt es keine Grundlage auf der basierend eine mündige Entscheidung für oder gegen das Programmierenlernen getroffen kann.

Ein Gedanke zu „„Wir haben jetzt Programmieren“

  1. […] etwas dazu zu schreiben ungefähr zwei Meter unter dem Nullpunkt. Ich hatte Entwurfleichen zu dem Computerkunde-Thema, das Fiona in ihrem Blog vor über einem Jahr thematisierte und schon genauso lange halbfertig hier […]

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