Gender-Grep

raislgirls

Was sind „weibliche“ Programmier-Netzwerke?

Vom 06. bis 08. Mai fand die re:publica in Berlin statt. Die Konferenz hat sich zu einer der wichtigsten Institution in den Diskursen rund um Kaffee Latte, iPhone-Cases, Veganismus und Web 2.0 gemausert. Neben dem vielfältigen und sehr sehr großen Angebot an Vorträgen, Workshops und Panels gibt es auch immer noch die sehr geschätzte Gelegenheit, das Internet und seine BewohnerInnen zu treffen.

Die re:publica war auch dieses Jahr wieder unheimlich professionell organisiert und ich werde sicher noch ein bisschen brauchen, um all die Eindrücke und Gespräche zu verdauen. Drei Tage lang hatte ich die Möglichkeit, mich mit tollen Menschen auszutauschen und Bier zu trinken. Nebenbei (gefühlt hauptsächlich) habe ich noch eine Art Meta-re:publica erlebt zusammen mit meinem Projekttutorium und das was wir daraus mitgenommen haben drüben auf netzkulturen.net verbloggt.

Die für mich dominierenden Themen kreisen auf Konferenzen über Digitalisierung natürlich auch immer um das Programmieren und Programmierenlernen. Sowohl in den Gesprächen als auch in den Vorträgen die ich besuche. Unter anderem besuchte ich auch einen Vortrag von den Code Girls: „Du nennst es Programmieren, ich nenne es Rock ’n‘ Roll. Über weibliche Programmierer-Netzwerke.“.

Auf der Session wurde das Netzwerk der Code Girls vorgestellt, die Programmier-Genese der Speakerinnen kurz erläutert und darüber referiert, wie die Arbeit der Code Girls verläuft. Im Verlaufe des Vortrags beschlich mich ein immer größeres Unbehagen gegenüber der Darstellung der Zusammenhänge von Frauen und Programmieren, welches ich auch in der anschließenden Fragerunde äußerte. Aber bevor ich zu den Gründen komme, ein paar Dinge vorab:

Ich persönlich finde generell, es sollten mehr Menschen Programmieren lernen. Die Code Girls drückten es schon ganz gut in ihrer Beschreibung aus: „Statt also unsere eigenen Werkzeuge zu programmieren, nutzen wir lediglich bestehendes.“ Ich finde, dass die Verteilung von Wissen über Code nicht losgelöst werden kann von Machtaspekten. Insofern freue ich mich wie ein junges Reh über jede und jeden, den oder die ich mit FLP dazu bewegen kann, sich ebenfalls damit auseinanderzusetzen. Das Verhältnis von Männern und Frauen, von denen ich weiß, dass FLP sie dazu bewegen konnte, hält sich übrigens auch die Waage.

Andere Leute zu motivieren, mit dem Programmieren lernen zu beginnen, wurde erst im Verlaufe des letzten Jahres das primäre Ziel von FLP. Anfangs war es für mich einfach eine Selbstverständlichkeit, dass ich über das was ich tue, bloggen sollte, um meine Erkenntnisse nach außen zu tragen – das fand ich sozial und angemessen. Dass ich daraufhin wirklich Leute erst auf die Idee bringe, Programmieren zu lernen, war für mich nicht vorhersehbar und eine sehr positive Überraschung. Was ich auch nicht vorhersehen konnte war die Verknüpfung mit feministischen Kontexten.
Auf der Seite der mädchenmannschaft wurde relativ früh auf mein Blog verlinkt. Das irritierte mich, denn was vermittelt wurde waren meines Erachtens die Botschaft:. „Krass, eine FRAU lernt programmieren!“
Mein Blog wurde auch auf anderen Seiten verlinkt, meistens mit der Begründung, dass mein Schreibstil gefällt oder weil mein Blog nützlich sein könnte und weil es sich überhaupt explizit an AnfängerInnen richtete. Bei der Mädchenmannschaft spielt meines Erachtens mein Geschlecht eine größere Rolle, da es in einen feministischen Kontext eingebettet wird. Auch wenn das naiv klingt, aber ich war mir vorher darüber, dass es etwas besonderes ist, wenn ich als Frau mitteile, dass ich Programmieren lerne, nicht bewusst.

Bisher brachten lediglich Unterhaltungen mit Männern, die beruflich programmieren oder Informatik studieren, mein Geschlecht ins Gespräch mit Sprüchen wie „Ach, das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass du Programmieren lernst, du bist doch eine Frau!“ oder „Wow, das ist echt selten, eine gutaussehende Frau kennenzulernen, die sich für Computer interessiert!“ – Seriously! Und glaubt mir, ich finde das sehr viel demütigender als schmeichelnd.

Die Begegnungen mit solchen Gesprächspartnern, die Verlinkung auf maedchenmannschaft und schlussendlich die Initiative der Rails Girls machten mir erst bewusst, wie sehr FLP einen gegensätzlichen Ansatz verfolgte. Plomlompom und Erlehmann sind langjährige Freunde von mir, wenn sie nicht sogar zu den besten Freunden die ich habe zählen. Wir verbringen gerne Zeit miteinander und von Anfang an haben wir uns gegenseitig Dinge beigebracht und interessante Dinge zu erzählen gehabt. Die Entscheidung, gemeinsam Programmieren zu lernen bzw. zu lehren entstand aus meinem eigenen Wunsch danach. Ich hatte über lange Zeit mitbekommen, dass sie mehr können als ich und in welchem Ausmaß – ich wollte auch Code, Computer und Netzpolitik besser verstehen. FLP war auch keinesfalls so konstituiert, dass wir einen Top-Down-Ansatz konsequent hätten verfolgen können. Wir alle lernten Assembler zum ersten Mal und Erlehmanns Programmierfähigkeiten waren weitaus größere als meine und Ploms. Darüber hinaus lernte Erlehmann auch eine Menge dadurch, dass er mir Dinge vom Urschleim an erklären musste.

Und überhaupt: Assembler! Warum fingen wir mit Assembler an? Weil meinem Wunsch, alles von Grund auf zu verstehen nachgegangen wurde und weil wir eben nicht das Mindset hatten, dass ich eine Frau bin und wir deswegen einen leichteren Ansatz verfolgen müssten. Es gibt in der Genderwissenschaft bzw. in der Soziologie das Konzept des „Undoing Gender“  von Stefan Hirschauer. Es stützt sich auf dem Konzept des Doing Gender, welches davon ausgeht, dass wir Geschlecht immer wieder durch Interaktionen herstellen und wahrnehmen, es ist also keine feste, angeborene Eigenschaft. Undoing Gender räumt allerdings ein, dass es auch innerhalb dieses Herstellungsprozesses Möglichkeitsrahmen gibt, um unser Geschlecht „vergessen“ oder für einen bestimmten räumlichen oder zeitlichen Kontext irrelevanter zu machen.
FLP bildet genau so einen Möglichkeitsrahmen. Plom und Erlehmann sind Freunde, die mich als Fiona kennen und nicht primär als Frau. Während Anfangszeit gab es immer wieder bissige Bemerkungen diesbezüglich und die Beiden wurden sogar als „antifeministische Backstabber“ beschimpft. Das ist mir relativ gleich, interessant finde ich daran, dass wir uns in den Rails Girls bspw. als emanzipatives Projekt gegenübergestellt sahen.

Aber die Möglichkeit des Gender Vergessens existiert bei den Rails Girls meines Erachtens nicht. Wie kann ich mein Gender, welches zweifelsohne auf eine bestimmte Art und Weise konnotiert ist, vergessen, wenn über mir die ganze Zeit die Bezeichnung „Girls“ schwebt?
Ich finde, Projekte wie „Code Girls“ oder „Rails Girls“ reproduzieren genau das, was Frauen den Zugang erst erschwert: Die Auffassung, dass Frauen nicht programmieren können.
Sicherlich schleppe ich das ebenfalls in meinem Gepäck als Frau mit. Aber ich finde Wege, das abzulegen und vor allem zu denaturalisieren. „Natürlich“ fällt es mir schwer, Programmieren zu lernen. Aber das liegt doch nicht daran, dass ich eine Frau bin, sondern daran, dass ich eben nicht h4cke seit ich 12 bin. Das hat selbstverständlich damit zu tun, dass ich als Frau wahrgenommen wurde und den obligatorischen sexistischen Chemielehrer hatte (wieso wissen immer so viele Frauen unmittelbar, was ich damit meine?). Aber es hat nichts mit meinem biologischen Geschlecht zu tun.

Wenn ich nicht programmieren kann, ist das eine flexible Eigenschaft, die sich durch harte Arbeit und Investition von Zeit ändern lässt (Jaja, ich weiß). Es ist nichts Angeborenes und somit unveränderliches. Was aber Projekte wie Code Girls und Rails Girls kommunizieren ist:
Ihr seid Frauen, also entwickeln wir ein Angebot, das extra auf euch und eure Eigenschaften als Frauen abgestimmt ist. Im Zweifelsfall ein leichteres und bunteres Programm.

Wie soll unter diesem Stern jemals meine ansozialisierte Einstellung, dass Frauen nicht programmieren können, abgelegt werden?

Einen Schritt zurück.

Ich habe in der Fragestunde meine Anmerkungen nicht als Kritik, sondern als Frage verpackt. Aus gutem Grund. Es ergibt wenig Sinn, solche Projekte wie Rails Girls und Code Girls mit aller Kraft im Keim ersticken zu wollen. Es sind auf jeden Fall lobenswerte Unterfangen und ich wünsche ihnen weiterhin viel Erfolg. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass unter den Menschen in Deutschland, die nicht programmieren können oder sich nicht trauen, schlichtweg mehr Frauen sind. Dass diese teilweise eher einen geschützten Raum ohne Männer aufsuchen um dem durchaus problematischen Klugscheißertum zu entgehen, ist absolut nachvollziehbar. Mittlerweile habe ich auch verstanden, dass FLP eine feministische Komponente hat und bin mir der Verantwortung bewusst.
Aber die Frage nach der Reproduktion von Geschlechterverhältnissen muss weiterhin diskutiert und verhandelt werden. Mein Unbehagen angesichts der kommunizierten Unterteilung zwischen Männern, die die Welt beherrschen und zum Programmieren geboren sind, und Frauen, die eine Sonderbehandlung brauchen, teile ich mit Anderen, die nach dem Vortrag auf mich zukamen.

Die Beschreibung der Session liest sich wie ein Krisenbericht:

Auf diese Weise bewegen Frauen sich wie in so vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft auch im Netz in einer von Männern erschaffenen (weil programmierten) Welt. Ihnen bleibt der ökonomische Zugang zum Markt verschlossen.

Aber diese Darstellung unterschlägt,

1. dass zu den ersten Programmiererinnen durchaus Frauen gehörten,

2. dass es im Ausland gang und gebe ist, dass Frauen programmieren und

3. dass es auch in Deutschland Frauen wie Anne Schuessler gibt. Anne äußerte sich ebenfalls nach dem Vortrag und merkte an, dass sie als Frau, die beruflich programmiert, keinerlei Probleme hat.

Frauen, die selbstbewusst in den Vordergrund treten und sagen „Hä? Ich programmiere halt“ machen mir persönlich sehr viel mehr Mut als Aufrufe wie „Es wird Zeit den Mythos zu entkräftigen, dass selbstbewusste, attraktive und intelligente Frauen kein Interesse an Programmiersprachen haben.“ (ebenfalls aus der Beschreibung des Vortrags auf der re:publica)

Die Frage nach Sinn und Unsinn von „frauengerechten“ Programmier-Kursen wird noch lange Zeit eine ungeklärte Frage bleiben. Aber auch offene Fragen werden produktiv genutzt, sobald sie gestellt werden.

Aber eine Bitte hätte ich noch:
Können wir uns nicht endlich mal darauf einigen, dass wir keine „Girls“ mehr sind?

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