Fighten statt Angst

Heute findet die Freiheit-statt-Angst-Demo statt.
Gestern erst habe ich mit FreundInnen zaghafte Schätzungen zu den TeilnehmerInnenzahlen gewagt.
Ich habe nicht die geringste Ahnung, wieviele Menschen kommen werden. Ich hoffe, >9000  (no seriously).
Ich wünsche mir über >90 000.

Ich hätte viel früher hier etwas dazu schreiben sollen aber vielleicht ist es noch nicht zu spät, um Einige von euch dazu zu ermutigen.

(Disclaimer: Tatsächlich wollte ich mit einem Kommentar meine vom Nerdtum eher ausgeschlossenen FacebookfreundInnen agitieren, aber die pennen alle noch und das sind auch gar nicht so viele, wie man meinen würde.)

 

Ich weiß, dass die Berichterstattung über die NSA, Snowden und so weiter bisweilen sehr unübersichtlich sein kann. Schlimmer noch: ungreifbar, unverständlich und unzugänglich. Darüber hinaus scheint die Diskussion um Datenschutz, Verschlüsselung und Rechte im Netz manchmal so unheimlich weit entfernt von unserer Lebensrealität, gerade für weniger privilegierte Menschen, die sich eher Gedanken darüber machen müssen, wie sie es schaffen, mit Flaschenpfand ihre mickrige Rente aufzubessern oder wie sie eine Flucht vor einem Regime überleben, um dann in MaHe von Hohlköpfen den Mittelfinger gezeigt zu bekommen.

Ich weiß das. Ich verfolge sogar die Berichterstattung über die NSA und trotzdem fühle ich mich hilflos und bin weit davon entfernt, zu glauben, ich hätte den Kram verstanden. Ich glaube auch nicht, dass das möglich ist und das ist gerade das Problem – wir WISSEN einfach nicht, was gewusst wird.

Dieses vermutlich von den Meisten geteilte Unvermögen, den Diskurs zu verstehen und das Unbehagen mit der Auseinandersetzung eines Problems, das scheinbar nur Nerds und Menschen mit Kohle für einen Computer betrifft kann mitunter sehr lähmend und frustrierend sein. Diese Punkte sind auch relevant und werden vermutlich auch viel zu wenig diskutiert. Aber es gibt trotzdem ein paar Gründe, weswegen die Geschehnisse und entsprechend auch die Demo heute uns alle betrifft.

Dazu muss erst einmal verstanden werden, dass der Grad der Überwachung schon derart weit vorangeschritten ist, dass es harte Arbeit wird, die aktuelle Entwicklung umzukehren und etwas zu ändern. Schritt für Schritt haben wir mehr zu akzeptieren „gelernt“. So finden unliebsame Änderungen eben statt. Ich denke das Beispiel der Vernehmung des Partners von Glenn Greenwald (der Snowden-Vertraute) auf Basis von Anti-Terror-Gesetzen ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, wie Versprechen für mehr Sicherheit auf Kosten der Freiheit umgesetzt werden. Ist eine gesellschaftspolitische Änderung erst einmal umgesetzt, braucht es so viel mehr Energie, Ressourcen, Sichtbarkeit und Widerspruch um diese Situation zu ändern.

Das löst aber nicht das Problem der scheinbaren Entfernung zur Lebensrealität der Meisten von uns. Und ich stelle mir selber immer wieder die Frage, wie ich Engagement im Netzbereich rechtfertigen kann angesichts von Themen, die mir so viel akuter erscheinen. Aber dann wird mir nach kurzer Überlegung klar, dass es tatsächlich einen wichtigen Zusammenhang gibt: Die Handlungsfähigkeit von Menschen wird durch Überwachung eingeschränkt. Es braucht kein „Weiterspinnen“ des Szenarios, um sich zu überlegen, in welche Richtung wir uns begeben, um zu verstehen, dass eine der wichtigsten Voraussetzungen für gesellschaftlichen Wandel die Vernetzung und auch die geheime Absprache ist. Eine nächtliche Aktion zur „Modifizierung“ von NPD-Plakaten? Illegal. Ein Treffen mit Hackern, um Maßnahmen gegen die NSA zu planen? Verdächtig. Der Besuch eines linken Podiums gegen Gentrifizierung und Mieterhöhung? Guten Tag Rasterfahndung. Ein Blogpost gegen ein autoritäres Regime? Dafür kommst du in bestimmten Gegenden bereits in den Knast.

Themen, die uns dringlicher erscheinen als die Sicherheit von paranoiden Hackern, sind nicht von Überwachung zu lösen. Überwachung ist tief eingebettet in die Machtverhältnisse und Machtausübungen zwischen ziviler Bevölkerung und Staat. Überwachung zu bekämpfen und uns dagegen zu wehren ist die Grundvoraussetzung für politische Mobilität.

Die Möglichkeit zur klandestinen Aktion muss bestehen bleiben. Und so blöd es klingt, aber Deutschland nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Es ist wirklich so, dass so einige Menschen weltweit gerade auf uns schauen und von uns ein deutliches Zeichen erwarten. Und wir müssen nicht alle Details des NSA-Skandals verstanden haben, um zu checken, dass hier etwas mächtig schief läuft und dass wir bei den ganzen Versuchen der Bundesregierung, das Thema zu beenden (!) und sich aus der Affäre zu ziehen belogen werden. Von einer, die den ganzen Kram zumindest ansatzweise verstanden hat zu euch:
Es ist wirklich schlimm.

Es gibt diesen Spruch, den ich mal im Radio gehört habe. Ich glaube, von einem amerikanischen Clubbesitzer oder einer Modemacherin. Irgendwie sowas. Der/die meinte: „Wenn du Berlin hast, kriegst du die Welt“. Es wurde sich damit auf die Schwierigkeit, einen Trend im widerspenstigen Berlin zu setzen. Aber wenn das erstmal geschafft sei, wird der Rest der Welt ein Leichtes.

Lasst uns die Bastion sein, die sich gegen Überwachung wehrt und nicht zu kriegen ist.
Lasst uns der Ort sein, wo sich ein Trend GEGEN Überwachung durchsetzt und dem andere Städte und Länder folgen werden.

Wir sehen uns um 13 Uhr am Alex.

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